Marianne Falck | Überzuckert: Wie die Lebensmittelindustrie Kinder verführt
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Überzuckert: Wie die Lebensmittelindustrie Kinder verführt

Ein Kommentar

Die Ankündigung der WHO, die maximal empfohlene Menge für die tägliche Zuckerration um die Hälfte zu senken, war längst überfällig. Immer mehr Kinder sind zu dick. Nun ist die Lebensmittelindustrie am Zug. Sie muss nicht nur ihre Rezepturen ändern, sondern auch ihre aggressive Werbung für Kinder einstellen.

Kinder können Markennamen wie Nutella, Milka oder Milchschnitte oft besser unterscheiden als Obst- und Gemüsesorten. Aber verlangen Sie einmal von einem Kind, dass es sich gesund ernährt, wenn selbst Erwachsene oft daran scheitern. „Du hast doch die Wahl, du kannst dich frei entscheiden, was du essen oder trinken willst“ – ein Spruch, den die Industrie gern mantra-artig wiederholt, entbehrt gerade bei den Kleinsten jeder Logik. Denn Kinder tun das, was ihnen vorgelebt wird. Und die Werbung der Lebensmittelindustrie lebt ihnen eben vor, dass Sportidole gesund, fit und erfolgreich sind, weil sie etwa eine süße Schokoladenpaste essen. Dafür, dass sich das in den Köpfen der Kinder festsetzt, sorgen ausgeklügelte Werbestrategien mit TV- und Internetvideos, Radiospots, Anzeigen, Kinowerbung, Kinder- und Jugendzeitschriften und, obwohl verboten, Direktmarketing in Schulen. Auch mit Comics, Stickern, Sammelfiguren und bunten Verpackungen lockt die Industrie ihre jungen Kunden.

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Die süße Versuchung hat gefährliche Nebenwirkungen. Jeder dritte Erwachsene auf der Welt ist zu dick, hierzulande ist es sogar jeder zweite. Besonders alarmierend ist der massive Anstieg übergewichtiger Kinder. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts sind 15 Prozent der Kinder in Deutschland im Alter von 3 bis 17 Jahren übergewichtig, 6,3 Prozent gelten sogar als fettleibig. Mit zunehmendem Lebensalter steigt der Anteil weiter. Die Generation XXL kriegt ihre überschüssigen Kilos einfach nicht los.

Dabei sind es gerade die dicken Kinder, die eine schwere Hypothek herumschleppen: Übergewicht verursacht schwerwiegende Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und andere Stoffwechselstörungen. Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) warnt wegen der vielen Übergewichtigen bereits vor einer „globalen Epidemie des 21. Jahrhunderts“. Die Zuckerlobby sieht keinen Zusammenhang zwischen Übergewicht und dem hohen Zuckerkonsum von Erwachsenen und Kindern. Zucker sei sogar unverzichtbar für eine ausgewogenen Ernährung, heißt es auf der Homepage des deutschen Zuckerverbandes WVZ. Auf der Seite stellt der Verband die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema Zucker und Ernährung aus seiner Sicht dar. Ernährungsexpertin Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg kommentiert diese Argumente.

Die Ankündigung der WHO, die maximal empfohlene Menge für die tägliche Zuckerration um die Hälfte zu senken, war längst überfällig. Erwachsene und Kinder sollen nur noch maximal fünf Prozent der täglichen Kalorienmenge in Form von zugesetztem Zucker konsumieren. Dieser Fünfprozent-Wert schließt jede Art von Zucker ein, die Nahrungsmitteln zugegeben wird, sowie Honig, Sirup und die Süße in Fruchtsaft. Mit diesem drastisch reduzierten Richtwert wendet sich die WHO jedoch nicht nur an Politiker, Gesundheitsexperten und Wissenschaftler, sondern auch an die Industrie. Denn die Hersteller zeichnen dafür verantwortlich, dass sich ein erheblicher Teil des konsumierten Zuckers in verarbeiteten Nahrungsmitteln steckt, die normalerweise gar nicht als süß gelten, etwa in Brot oder salzigen Snacks. Sogar in einigen Babybreien befindet sich Zucker.

Gerade Kinder sind Zielscheibe aggressiver Werbestrategien von Lebensmittelherstellern. Bereits 2012 hatte Foodwatch nachgewiesen, „dass drei Viertel der gezielt an Kinder vermarkteten Industrieprodukte süße und fettige Snacks sind“. Durch Werbung für fast ausschließlich ungesunde Produkte trägt die Lebensmittelindustrie maßgeblich zu den steigenden Zahlen kranker Kinder bei. Doch solange stark gezuckerte Produkte die Supermarktregale dominieren, kann auch ein Werbeverbot keine nachhaltige Lösung sein. Ein neues Denken und Handeln ist gefragt, um den gesundheitlichen Verbraucherschutz endlich angemessen zu berücksichtigen. Für die Lebensmittelindustrie muss das eine Umkehr bedeuten: Weg vom überhöhten Einsatz von Zucker, Glucose-Fructose-Mischungen, Maltodextrin und anderen billigen Süßmachern hin zu gesünderen Produkten.

Egal ob Joghurtsorten, Brotaufstriche, fruchtsafthaltige Getränke, Frühstückscerealien oder Süßigkeiten: zahlreiche Produkte zeichnen sich dadurch aus, dass sie vor allem reichlich Zucker enthalten. Es ist kein Zufall, dass immer mehr Kinder zu dick sind, wenn im Umfeld von Kindermedien für Süßigkeiten und gezuckerte „Lebensmittel“ geworben wird. Bisher wurde die Industrie dafür nicht zur Verantwortung gezogen. Ein totales Werbeverbot ist nicht in Sicht.

Der viele Zucker geht alle an. Hierbei geht es nicht um das Stückchen Schokolade, sondern um den andauernden Konsum von versteckten Süßmachern. Der Verbraucher hat schlichtweg keine Wahl. Ob in Essen oder Trinken, in nahezu allen Fertigprodukten steckt Zucker. Dabei braucht kein Mensch – auch kein Kind – zugesetzten Zucker. Aus Kohlenhydraten, die sich etwa in Getreide befinden, kann der Körper selbst Zucker herstellen.

Die WHO hat mit ihrem Richtlinien-Entwurf einen ersten, wichtigen Schritt in der Bekämpfung der Fettleibigkeit gemacht. Nun ist die Industrie am Zug – und sie hat einige Optionen: Sie könnte ihre Kalorienbomben weiter verschleiern, indem sie, wie schon einige Male geschehen, einfach die angegebenen Portionsgrößen auf der Verpackung verkleinert. Doch damit wäre niemand gedient. Wenn die Industrie das Problem wirklich ernst nimmt, muss sie ihre Rezepturen für Kinderprodukte ändern und den Zuckeranteil deutlich senken. Außerdem könnte sie in salzigen Produkten wie Brot und Wurst gänzlich auf den Süßmacher verzichten.

Ernährungsinitiativen an Kindergärten und Schulen, eine starke Gesundheitspolitik und die Aufklärung durch Verbraucherschützer sind sicherlich nach wie vor wichtig. Doch die Hersteller von Getränken und Nahrungsmitteln können selbst den größten Beitrag zur Gesundheit leisten. Die Industrie muss endlich Schluss mit dem vielen Zucker machen, besonders wenn ihnen die jüngsten Konsumenten am Herzen liegen. Kinder sind nicht nur Kunden. Sie sind vor allem die Zukunft unserer Gesellschaft. Es sollte wieder darum gehen, Kinder zu ernähren und nicht, sie zu verführen.

Zuerst erschienen am 13. März 2014 auf www.sofies-verkehrte-welt.de

Meine aktuelle Recherche zu Werbung in Schulen und Kindergärten: Ihr habt Infos für mich? Ich freue mich über eure Kontaktaufnahme! http://mariannefalck.de/aktuelle-recherche-junkfood/

Foto Teaser (Homepage): ©Sunny studio /fotolia.com

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