Marianne Falck | Süße Verführung
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Süße Verführung

Verbraucherschützer befürchten eine deutliche Zunahme zuckerhaltiger Produkte.
Ein offener Zuckermarkt, das bereitet Verbraucherschützern Sorgen. Die Organisation Foodwatch warnt angesichts des Endes der Zuckerquote vor einer Zuckerschwemme in der EU. „Für die Lebensmittelindustrie wird es damit profitabler denn je, auf die Produkte zu setzen, von denen wir Verbraucher weniger essen sollten“, heißt es dort. Tatsächlich ist es für Konsumenten jetzt schon schwer zu erkennen, wie viel Zucker in einer Packung steckt. Den süßen Stoff gibt es in unzähligen Varianten und er ist oft nicht als solcher erkennbar.

Versteckter Zucker ist ein Problem, vor dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits seit Jahren warnt. Viele Menschen essen zu viel Zucker. Und das kann auf Dauer nicht nur dick, sondern auch krank machen. Übergewicht, Fettsucht, Diabetes Typ 2, Bluthochdruck und Karies sind die bekanntesten Folgen. Trotzdem sind viele Lebensmittel stark gezuckert. Der Grund: Zucker ist ein guter Geschmacksträger, billig und verspricht der Industrie deshalb hohe Gewinne. Er steckt nicht nur in Limonaden und Süßigkeiten, sondern in vermeintlich gesunden Lebensmitteln wie Müsli, Fruchtjoghurt oder Krautsalat. Auch Babys werden mit gesüßten Breien bereits auf den Geschmack gebracht. Das hat Folgen: Die Zahl extrem dicker Kinder und Jugendlicher hat sich in den vergangenen 40 Jahren mehr als verzehnfacht. Das zeigt ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht der WHO. Während 1975 weltweit etwa elf Millionen 5- bis 19-Jährige als fettleibig galten, waren es im vergangenen Jahr 124 Millionen, also elfmal so viele.

Die Zuckerindustrie sieht den Süßstoff dagegen zu Unrecht unter Verdacht. „Wer mehr Kalorien aufnimmt, als er verbraucht, nimmt zu. Ganz gleich, woher diese Kalorien stammen. Zucker ist kein Dickmacher und deswegen auch kein Risikofaktor für Zivilisationskrankheiten“, betont der Branchenverband Wirtschaftliche Vereinigung Zucker. Auch Lebensmittelhersteller argumentieren, Zucker sei Energie und wichtig für das Wachstum.

Verbraucherschützer halten dagegen: Viele Konsumenten würden gar nicht bemerken, wie viel Zucker sie zu sich nehmen. In der Kalorienbilanz geht es nicht nur um den Zucker, der morgens in den Kaffee gerührt wird, sondern vor allem um die vielen anderen Süßmacher, die hinter Bezeichnungen wie Maltodextrin, Dextrose oder Dicksaft stecken.

Für Verbraucher dürfte sich der Mangel an Transparenz weiter verschärfen. Denn Brüssel hat zum 1. Oktober 2017 nicht nur den Zuckermarkt der EU neu geregelt. Fast unbemerkt wurden auch bisher geltende Beschränkungen für den extrem billigen, flüssigen Fruchtzucker Isoglukose aufgehoben. Dieser wird meist aus Mais oder Weizen gewonnen. Die größten Hersteller sitzen in den USA. Verwendet wird Isoglukose vor allem in Softdrinks und Süßigkeiten. Schon vor 15 Jahren geriet der Stoff dort in Verdacht, Fettleibigkeit und Diabetes zu verursachen.

Die Verbraucherorganisation Foodwatch sieht nun die Bundesregierung am Zug. Die Lebensmittelwirtschaft habe derzeit wenig Anreize, gesunde Produkte zu entwickeln. Hier müsse die Politik gegensteuern, etwa durch Werbebeschränkungen oder Sondersteuern auf zuckerhaltige Getränke. Ein Vorschlag, den Zucker- und Lebensmittelindustrie jedoch strikt ablehnen.
Zuerst erschienen in: Süddeutsche Zeitung, 11.10.2017
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