„Das stimmt so nicht“ – Falscher Presse-Hype um Monsanto-Rückzug aus Europa

Veröffentlicht am 6. Juni 2013, 8:24 Uhr

Monsanto gibt Europa auf, schrieb die tageszeitung (taz) am 31. Mai. Und alle jubeln. Die Presse. Die Gentechnik-Kritiker ebenfalls. In Deutschland, in Europa, selbst in Übersee. Doch Monsanto reagiert noch am gleichen Tag mit einer eigenen Meldung auf der Unternehmenswebseite mit den Worten: „Das stimmt so nicht.“ Auch Gentechnik-Expertin Heike Moldenhauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland kann keinen Rückzug aus Europa erkennen.

Seit einigen Tagen geistert die Nachricht von Monsantos angeblichem Rückzug aus Europa durch Zeitungen und soziale Netzwerke. Die taz brachte sie zuerst, dann folgten Spiegel online und weitere Medien. Twitter und Facebook wirkten als Schallverstärker.

Ich hatte bereits einen Tag nach der medialen Bekanntgabe des Rückzugs die taz auf twitter gefragt: “Zieht sich Monsanto wirklich zurück?” und auf die Stellungnahme von Monsanto auf deren Unternehmenswebseite verwiesen. Die taz antwortete bisher nicht.

Was hatte mich an dem Artikel der taz stutzig gemacht? Die Aussagen von Monsanto waren mehr als vage. „’Wir machen keine Lobbyarbeit mehr für den Anbau in Europa’“, sagte der Sprecher von Monsantos EU-Niederlassung, Brandon Mitchener, der taz.“ Und: ‚„Derzeit planen wir auch nicht, die Zulassung neuer gentechnisch veränderter Pflanzen zu beantragen.’“

Monsanto sagt damit keinesfalls, dass das Unternehmen nicht zukünftig wieder Zulassungsanträge stellen will. Und: Die Realität sieht anders aus, worauf
Heike Moldenhauer, Leiterin Gentechnikpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hier hinweist: „Monsanto hat keinen einzigen seiner laufenden Zulassungsanträge für Gentech-Pflanzen zurückgezogen. Elf Pflanzen warten auf eine Anbauzulassung für die Äcker der EU, darunter der Mais MON810, der zur Wiederzulassung ansteht. Für 46 Pflanzen liegt ein Antrag auf Import in die EU und zur Verwendung als Lebens- und Futtermittel vor.“

Heike Moldenhauer ist überzeugt, dass sich Monsanto für die Anträge Nr. 12 (Anbau) und Nr. 47 (Import) ganz auf die US-Regierung verlassen kann: „Sie wird sich bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU-Kommission, die am 18. Juni ihr Mandat erhält, wie schon so oft für die Belange des Unternehmens einsetzen.“ Durch die „Beseitigung von nichttarifären Handelshemmnissen“ und die „gegenseitige Anerkennung von Standards“ versuchen Unternehmen erleichterten Zugang zu den EU-Märkten zu bekommen. Die Gentechnik-Expertin fürchtet, dass die USA die bestehenden Kennzeichnungsregeln für Gentech-Produkte aushebeln wird. Außerdem könnten Gentech-Pflanzen, die im jeweils anderen Wirtschaftsraum für sicher befunden wurden, automatisch zugelassen werden. Auch das würde Unternehmen wie Monsanto nutzen, weil die US-Verfahren deutlich schneller abgeschlossen sind als die der EU.

„Ich mache mir deshalb Sorgen, weil ich in der EU-Kommission gar niemanden sehe, der die Belange der EU-Bürger vertritt, die aber mehrheitlich gegen Gentechnik sind. Ich befürchte, dass die EU-Bürger mit diesem Handlungsmandat von ihren Vertretern verraten und verkauft werden“, warnt Heike Moldenhauer. In einem Telefoninterview heute bekräftigte die Gentechnik-Expertin ihre Verwunderung über die mediale Verbreitung einer „Wunschvorstellung“ nach weniger Gentechnik.

Der taz Artikel diente als Referenz für Medien in der ganzen Welt. Mit seiner emotionalen und sachlich irreführenden Schlagzeilen „Sieg für Anti-Gentech-Bewegung: Monsanto gibt Europa auf“ verbreitete er sich rasend schnell. Es ist bedauerlich, dass so viele Journalisten und Medien ungeprüft Informationen übernehmen.

Zufälligerweise erschienen diese Neuigkeiten nur wenige Tage nach den weltweiten Protestdemonstrationen gegen den Hersteller von Saatgut und Herbiziden, dem „March against Monsanto“.

Monsanto gibt Europa auf? Das stimmt so nicht.